Interview mit Prof Dr. Ana Dimke – Sprecherin der Rektorenkonferenz der Kunsthochschulen in Deutschland und Rektorin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Deutsches Studentenwerk: Was erwarten Sie von der Ausstellung in Bonn?
Ana Dimke: Zunächst, dass sie das breite Spektrum der Kunsthochschulen zeigt. Dann, dass sie das Beste zeigt – in Anführungsstrichen oder auch doppelt unterstrichen –, was Kunststudentinnen und Kunststudenten heute zu bieten haben. Ich erwarte auch, dass sie zeigt, wie leistungsfähig die Kunsthochschulen sind, wie vielfältig die Lehre dort ist. Und natürlich, dass sie gut besucht ist. Ich weiß, dass diese Ausstellung ein gewisses Renommee hat und erwarte ein erweitertes Publikum, aber auf jeden Fall auch, dass das Fachpublikum nach Bonn kommt.
Worin liegt die Qualität dieser Ausstellung, in der ganz unterschiedliche Positionen ohne ein gemeinsames Thema aufeinandertreffen?
Die Qualität liegt in der Vielfalt, die hier dadurch entsteht, dass ein wesentlicher Teil des Kuratierens sozusagen schon im Vorfeld stattfindet. Für die Ausrichtung der Ausstellung ist das eine besondere Herausforderung, weil sich mit sehr Disparatem auseinandergesetzt werden muss. Eine vergleichbare Aufgabe kann sich aber auch angesichts von Sammlungen stellen, denn ein Sammler kann ja auch höchst unterschiedliche Schwerpunkte setzen.
Sie betonen, dass Kunstvermittlung Ihnen ein wichtiges Anliegen ist. Welchen Beitrag leistet dieser Wettbewerb hier?
Vermittlung ist ein Teilaspekt von Kunst. Sobald ausgestellt wird, wird immer schon vermittelt. Wenn man als Künstler auftritt, sollte man ein gewisses Reflexionsvermögen mitbringen und die Arbeit auch vermitteln können. Bei diesem Wettbewerb kann man das erstens von innen heraus verstehen: Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler zeigen, wie Gegenwartskunst in den Kunsthochschulen aufgenommen wird und zwar in einer großen Variation. Zweitens sollte man die Frage vor dem breiten Spektrum an Hochschulfächern beantworten und einen Blick auf den kulturellen Aspekt werfen. Es wird ein wichtiges Feld von denjenigen besetzt, die Kunst studieren und zugleich Kunst machen. Das ist, denke ich, das besonders Spannende an so einem Wettbewerb: Es werden nicht nur Gedanken, Ideen und Konzepte eingereicht, sondern es entsteht Materialität und es wird eine Produktivität belegt, die jenseits des »Wissenschaftsbetriebs« eigenständig existiert. Wenn man sich drittens die Vermittlung in die Gesellschaft hinein ansieht, spielt der Ausstellungsort durchaus eine wichtige Rolle. Die Bundeskunsthalle, das Deutsche Studentenwerk, und das Bundesbildungsministerium haben eine bedeutende Aufgabe. Sie bieten einen bestimmten Rahmen, der einerseits sagt, es sind Studierende. Andererseits werden die Studierenden durch diesen Ort in einen größeren Kontext mit einbezogen, der zu ihrer Zukunft gehört. Mit der Wahl des Orts ist eine Aufwertung der Arbeiten gegeben und die gesellschaftliche Wahrnehmung wird deutlich befördert.
Weshalb ist der Wettbewerb für die Kunsthochschulen wichtig?
Die Kunsthochschulen haben eine Fläche, auf der sie sich zeigen können, auf der sie aber gleichzeitig – und das ist im Kunstbereich sehr wichtig – bei sich bleiben können. Das heißt, dass kein außerkünstlerisches »Um-zu« entsteht. Sie machen nicht Kunst, um etwas anderes zu erreichen, sondern um wiederum auf sich selbst zu verweisen. Es gibt sehr viele Stipendien und Wettbewerbe, aber so, wie ich das erinnere, legen die Rektoren seit jeher Wert darauf, sich bei »Kunststudentinnen und Kunststudenten stellen aus« zu beteiligen. Sie schauen darauf, wer die Kunsthochschule »repräsentiert«, welche Positionen man dorthin entsendet hat.
Was bedeutet die Teilnahme an speziell diesem Wettbewerb für die Künstler?
Ich denke, die jungen Künstlerinnen und Künstler sind sich durchaus bewusst, dass ihre Hochschule hinter ihnen steht. Das ist eine andere Situation, als selbst eine Ausstellung zu organisieren. Schon die Nominierung ist etwas Positives, weil eine Kunsthochschule damit auf diese besondere Arbeit verwiesen hat. Dieser Kontext gibt den Arbeiten eine besondere Bedeutsamkeit. Darüber hinaus spielt der Katalog eine wichtige Rolle. Auch wenn manche meinen, es gäbe ohnehin schon viel zu viele Publikationen: Für die Künstlerinnen und Künstler sind sie immer noch wichtige Dokumente ihres künstlerischen Erfolgs. Sie sind das Bleibende, was über die Ausstellung hinaus wirkt. Des Weiteren ist eben der Ort, die Bundeskunsthalle selbst wichtig. Sowohl für den künstlerischen Werdegang als auch für die Wahrnehmung der eigenen Arbeit, wie sie im Kontext von anderen platziert wird. Es ist durchaus anstrengend, in einer großen Übersichtsausstellung vertreten zu sein, über die eigene Hochschule hinaus – wenn man so will – im Landesvergleich zu stehen.
Ist eine Ausstellung in dieser Größenordnung für viele eine ganz neue Erfahrung?
Für viele wird es eine neue, erste, wichtige Erfahrung sein. Einige werden solche Erfahrungen auf ihrem Weg wahrscheinlich noch mehrmals machen. Wer ein Stipendium bekommt, einen Preis, eine Nominierung, bei dem reiht sich das dann aneinander. Da entsteht ein Vertrauen oder Zutrauen in die Entwicklung der eigenen künstlerischen Position.
Der Katalog wird diesmal von Studierenden Ihrer Hochschule gestaltet. Sie haben dem Projekt den Untertitel »Atlas 2013« gegeben. Wie kommentiert oder auch reflektiert das Atlas-Konzept den Wettbewerb?
Da kommen wir fast auf die Eingangsfrage zurück. Die Gruppe der Studierenden der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig hat sich von Anfang an damit auseinandergesetzt, wie man mit einer Ausstellung umgeht, die nicht von einem Kurator unter einem bestimmten Blickwinkel oder auch mit seiner spezifischen Haltung zur Kunst zusammengestellt wurde. Von da aus hat sich die Frage nach Ordnungskonventionen herauskristallisiert, die ebenso spielerisch wie reflektiert beantwortet wird. Der »Atlas 2013« sortiert beispielsweise Fakten von Nord nach Süd oder auch von hell nach dunkel. Überdies wird hier Gerhard Richter sozusagen zum »Schirmherrn« gemacht – im Hintergrund, mit humorvollem wie ernstem Bezug. Es werden bestimmte künstlerische Methoden, Strategien übernommen und angewendet, andererseits spielen – sehr frei davon – auch andere Atlanten eine Rolle, etwa ein normaler Schulatlas. Oder man mag aus dieser großen Kultur an das Buch »Der Atlas der Liebe« denken, in dem Gefühle auf Landschaften projiziert werden. Es geht ebenso darum, einen Überblick zu geben wie ein Zeitdokument zu erstellen, ähnlich einem Jahrbuch. Damit werden Fragen zum Ausstellen wie zum Erstellen eines Katalogs aufgeworfen: Nach welchen Kriterien geht man vor? Wie wird man den künstlerischen Arbeiten gerecht? Wie kann man auf sie Zugriff haben oder wo geht es dann an die Substanz, wenn man zu rigoros sortiert oder vergleicht und dann das Ähnliche doch nicht mehr ähnlich erscheint oder falsche Kategorien angewendet werden? – und so weiter. Diesem Fragenkomplex haben sich die Studierenden intelligent und gestalterisch überaus gelungen gestellt.
Die Fragen stellte Carolin Würthner, Deutsches Studentenwerk